Wiedergeburt einer „Alten Dame“ 

Wer die Werkstatt eines bekannten Berliner Segelmachers kennt, hat sicher irgendwann einmal dort den nicht ganz kleinen Rumpf einer Modellyacht nach klassischem Riss stehen sehen. Der Rumpf stand zwar immer in der Werkstatt und hat in den letzten Jahren einige Umzüge überstanden, aber aufgeriggt oder gar fahrfertig war das Modell nie zu bewundern.

 

In diesem Zustand kannte ich selbst das Modell auch schon einige Jahre, bis ich eines Tages im Sommer 2007 mal wieder zu ihm in die Werkstatt kam. „Bau mir eine Fernsteuerung ein“, forderte er mich auf, schob mir den Rumpf unter die Nase und machte mir ein durchaus interessantes Angebot…

 

Was ist das eigentlich für ein Modell?

Ja, und dann stand die abgetakelte Schönheit bei mir zu Hause und sprengte mit ihren Dimensionen meine Werkstatt, so dass – sehr zur „Freunde“ meiner Frau – das Wohnzimmer herhalten musste. 1,61m misst das gute Stück in der Länge. Der Rumpf erinnert in seinen Linien an die alten Schärenkreuzer oder auch an die bekannte Drachen-Klasse. Ein schmaler Rumpf mit langen Überhängen vorn und hinten und ein gemäßigter Langkiel mit angehängtem, nicht vorbalanciertem Ruder ließen erahnen, dass die Herkunft des Modells schon einige Tage zurückliegt. Trotzdem ist der Rumpf in einem sehr guten Zustand. Der Eigner hatte das Modell zwar in den achtziger Jahren in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand auf einem Flohmarkt erstanden, aber ein Bootsbauer hatte vor einigen Jahren den Rumpf einmal einer Generalüberholung unterzogen. Diese wiederum hatte alle Umzüge gut überstanden.

 

Nun war guter Rat erst einmal teuer. Was war das eigentlich für ein Modell?  Aber wozu gibt es das Internet. Ich stellte einige Fotos in mehrere einschlägige Foren und brauchte auch nicht allzu lange auf Antwort zuwarten. Es handelt sich bei der „Alten Dame“, wie wir das Modell bald nur noch nannten, um eine alte C-Klassen-Yacht nach einem Riss von Artur Tiller aus den 40er Jahren. Die  C-Klasse, sie muss wohl so etwas wie ein Vorläufer der heutigen TenRater sein, stammt noch aus den Vor-Fernsteuerungszeiten. Die Boote mussten ein Mindestgewicht von 6kg aufweisen und ihre Länge durfte nicht mehr als das 6,5fache der größten Breite betragen. Angetrieben wurden sie durch eine Segelfläche von maximal 0,5 m².

 

Der zweite Stapellauf

Vorsichtung und mit viel Fingerspitzengefühl ging es an den Einbau der Fernsteuerung und an die Rekonstruktion des Riggs. Hier half mir das Buch „Das Segeln von Modellyachten“ von Artur Tiller weiter, das ich über einen Kontakt bei RCN als Kopie bekam.

 

Über den Wiederaufbau war es dann  Oktober geworden und während es im Sommer in Berlin zum Teil doch sehr viel Wind gab, war es zum zweiten Stapellauf grau und trist und nahezu windstill. Na schön, einer „Alten Dame“ sollte man nach so vielen Jahren auf dem Trockenen vielleicht auch nicht gleich zu viel zumuten, aber etwas mehr Wind und schöneres Wetter hätte ich mir zum Fotografieren doch gewünscht.


Jedenfalls ging es nach der Übergabe an den Eigner gleich ans Wasser. Mit 7kg Verdrängung ist die alte Tiller-Yacht nicht gerade ein Leichtgewicht, aber sie war ja wieder in den Händen ihres Eigners und ich musste sie nicht tragen. Jedenfalls lag sie perfekt im Wasser und nahm trotz ihres hohen Gewichts und des kaum spürbaren Windhauchs sofort Fahrt auf. Die „Alte Dame“ zeigte, dass sie von ihren seglerischen Qualitäten offenbar nichts eingebüßt hatte. Es waren bei der Geradeausfahrt kaum Korrekturen mit dem Ruder nötig. Die Manöver waren bei dem schwachen Wind halt etwas träge, aber es handelt sich ja auch nicht um eine moderne Regattayacht.

 

Fazit

Mein Segelmacher war zufrieden und glücklich, dass seine „Alte Dame“ endlich wieder Wasser unter dem Kiel hatte und ich durfte mich auf ein neues Segel für mein großes Boot freuen.

 

Die vollständige Story der "Wiedergeburt" kann in dem PDF-Dokument nachgelesen werden.. 

 

Die Story der "Alte Dame"
Der Beitrag ist in der Schiffsmodell 11/2010 erschienen
Alte Dame.pdf [ 387.3 KB ]